Die Saat der Waffengewalt
Schuld an Mazedoniens Los ist die Nato / Von Milcho Manchevski

Suddeutsche Zeitung, FEUILLETON, Samstag, 25. August 2001
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....Die Organisation fur Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa, das State Department und ein UN-Offizier haben in den vergangenen Wochen immer wieder darauf hingewiesen, dass die albanischen Separatisten der UCK in Mazedonien ethnische Sauberungen gegen Mazedonier verubt haben. Die Menschenrechtsorganisation „Human Rights Watch" hat Menschenrechtsverletzungen albanischer Extremisten, darunter Folter, Verstummelungen und sexuelle Gewalt, zusammengetragen. In dieser Woche traten die albanischen Militaristen in die Fu?stapfen der Taliban und sprengten ein Kloster aus dem 14. Jahrhundert. ....Die Guten aus dem vergangenen Jahr sind nun die Bosen.
....Abgebruhte Balkan-Beobachter erstaunt das nicht. In zehn Jahren brutaler Gefechte im einstigen Jugoslawien war es Mazedonien gelungen, unversehrt zu bleiben - und dies ohne die Hilfe der internationalen Gemeinschaft. Nach Verhandlungen zog die jugoslawische Armee friedlich ab, ein bewundernswerter Erfolg, der vor allem Mazedoniens erstem Prasidenten Kiro Glogorow zu verdanken ist. Es gab Spannungen (ein Attentat kostete Glogorow ein Auge und hinterlie? einen Schrapnellsplitter in seinem Gehirn), aber keinen Krieg. Mehrmals lobte die internationale Gemeinschaft die Regierung und die Menschen Mazedoniens, die sich bemuhten, eine multiethnische Gesellschaft zu bewahren. Im Parlament sa?en Parteien, die die ethnischen Minderheiten reprasentierten. Albanische Parteien waren Koalitions-Partner in allen Regierungen seit der Unabhangigkeit; zurzeit sind sechs der siebzehn Minister albanischer Abstammung. Es gibt albanische Schulen, bald eroffnet eine albanische Universitat. Es gibt Fernsehsender, Theater, Zeitungen in der Sprache der Minderheiten. Woraus speist sich also die ethnische Gewalt der jungsten Zeit?
....Die albanischen Militaristen behaupten, sie kampften fur die Menschenrechte, ein Mantra, das sich in der Vergangenheit oft als siegreiches Argument erwies. Diesmal aber werden die Menschenrechte nur als Vorwand benutzt, um mit Waffengewalt neue Grenzen zu ziehen. Landbesetzungen, die Ermordung von Zivilisten, eine Bombendrohung gegen das Parlamentsgebaude in Skopje und ethnischen Sauberungen an der Mehrheit, den Mazedoniern, die in den Konflikt-Gebieten in der Minderheit sind, weisen unubersehbar auf einen Widerspruch hin: Kampft man fur die Anerkennung der Sprache mit Heckenschutzen? (Darf einer in Los Angeles Polizisten toten, damit in der kalifornischen Regierung Spanisch gesprochen wird?)

....Alte Kameraden

....Die „ethnischen Sauberer" der UCK sind in der Regel alte Soldaten der „Kosovo-Befreiungs-Armee", die im Kosovo an der Seite der Nato kampfte. Die meisten ihrer Waffen und Kampfer stammen aus dem von der Nato verwalteten Kosovo. Der UN-Sicherheitsrat forderte vergangene Woche, dass die KFOR und die Beamten der Mission der Vereinten Nationen (Unmik) die Grenze scharfer bewachen. Amerikanische, europaische und Nato-Diplomaten haben ein Friedensabkommen ausgehandelt, in dessen Mittelpunkt eine bessere Garantie fur die Rechte der albanischen Minderheit steht, ihre Entwaffnung vorausgesetzt.
....Doch all dies geht am Kern der Sache vorbei: Die radikalen Albaner kampfen um Land. Sie tun genau das, wovor viele Beobachter seit Jahren gewarnt haben - sie arbeiten auf eine Eskalation der Gewalt hin, bis auch der Durchschnittsburger radikalisiert ist. Obwohl die Diplomaten betonen, dass sie mit der UCK nicht verhandeln werden, de facto legitimiert der Westen das Toten im Namen eines Sprachen-Streits. Wie paradox!
....Das verarmte Land, das einer der wichtigsten Stutzpunkte der Nato im Kampf gegen Milosevics Jugoslawien und fur die Friedenserhaltung im Kosovo war - und ist -, das Land, das 350000 Fluchtlinge aus dem Kosovo aufgenommen hat, wird inzwischen zerrissen von den Anschlagen eben jener Revolverhelden, die die Nato trainiert hat. Als sie gegen Milosevic kampften, haben viele von ihnen Unterschlupf in Mazedonien gefunden. Mazedonien ist der Kollateralschaden des Nato-Engagements auf dem Balkan. Die USA, Gro?britannien, Frankreich, Deutschland und die Verbundeten hielten es fur zu gefahrlich, die UCK im Kosovo ernsthaft zu entwaffnen, obwohl sie ihr Kosovo-Mandat dazu verpflichtete. Leichensacke sind nicht sexy, und so entschied die Nato, dass die albanischen Militaristen ihre westlichen Waffen behalten durfen, selbst wenn sie mit ihnen Zivilisten im Kosovo ermorden.
....Nicht nur die Nato, die gesamte Welt hat sich auf die Seite der „gro?artigen Sache", wie die albanischen Extremisten ihr Projekt nennen, geschlagen, und diesen in ihren Sezessionsbestrebungen Auftrieb verschafft. Ethnische Sauberungen und Landbesetzungen waren der nachste Schritt fur eine Neuordnung der Grenzen. Jugoslawien hat uns in den vergangenen zehn Jahren gelehrt, wohin das fuhrt. Langst konnten die Nato-Alliierten das Blutvergie?en beenden und den Kollaps demokratischer Ideen in Europa verhindern, allerdings nicht durch geheuchelte Appelle an „beide Seiten".

....Kein Konto unter dieser Nummer

....In Mazedonien gibt es eine rechtma?ige Regierung, eine Polizei, eine Armee, und es gibt Aggressoren. Die Nato, die Europaische Union und die Vereinigten Staaten haben viel Druck auf Mazedonien ausgeubt, damit es sich nicht selbst verteidigt. Aber dann ist der Aufstand aus dem Ruder gelaufen, und die Desintegration des Landes ist ein Ergebnis des „Friedensprozesses". Im vergangenen Monat hat Prasident Bush den Befehl gegeben, die Konten der UCK- Fuhrer zu sperren und ihnen die Einreise in die Vereinigten Staaten zu verwehren; die europaischen Alliierten folgten ihm. Doch das ist offensichtlich nicht genug.
....Wenn der Westen eindeutig gegen die Neuordnung der Grenzen eintreten will, wenn die Nato ihr Wort halten und ihre Alliierten nicht in der Not im Stich lassen will, dann sollte sie gemeinsam mit den Vereinten Nationen nicht nur die Waffen-Arsenale ausheben, sondern auch die Kriegstreiber der UCK dorthin schicken, wohin Milosevic gegangen ist. Die UCK muss endgultig gezwungen werden, Gewalt und Rebellion aufzugeben, bevor es weitere politische Gesprache gibt. Und darauf sollte die Nato auch dann hinwirken, wenn es ein nicht ganz so begrenztes militarisches Engagement erfordert - etwa um die Rebellenfuhrer zu verhaften oder die Waffendepots auszuheben.
....In jedem Fall sollte, da die Nato nun ohnehin in Mazedonien ist, die Entwaffnung uber eine rein „freiwillige" Aktion hinausgehen und umfassend sein. Es gibt unterschiedliche Angaben uber die Anzahl der Waffen - sie reichen von 2500 bis 85000 Stuck jeglicher Art. Falls notig, sollte die Nato auch Gewalt gegen die „ethnischen Sauberer" anwenden, wie sie es in Jugoslawien getan hat. Wenn Amerika, Gro?britannien & Co ihre Absicht nicht durchsetzen, konnten sie zu einer langjahrigen Besatzungsmacht im souveranen Mazedonien werden. Die USA und ihre Alliierten haben die moralische Verpflichtung, jene Soldaten, die sie selbst ausgerustet und bewaffnet haben, daran zu hindern, Mazedonien in ein zweites Afghanistan oder Kambodscha zu verwandeln, zwei traurige Beispiele von Kollateralschaden nach einem amerikanischen Einsatz. Und schlie?lich kam das verhangnisvolle Geschehen bekanntlich uberhaupt erst in Gang, als Deutschland Slowenien und Kroatien uber Nacht anerkannt hat (wahrend es Bosnien und Mazedonien ignorierte) - bevor die europaischen Alliierten oder Amerika zu einem solchen Schritt bereit waren.
....Wir haben in Bosnien gelernt, dass es langfristig die gro?ten Probleme schafft, wenn man die ethnischen Sauberer gewahren lasst oder gar ermutigt. Oder, wie der Anwalt in einem Hollywood-Witz dem Beklagten sagt: „Gute Nachrichten. Sie mussen nichts tun. Es ist nur eine moralische Verpflichtung." Im Fall Mazedonien aber besteht auch eine realpolitische Verpflichtung.
....Der Autor stammt aus Mazedonien. Sein Film „Vor dem Regen" gewann in Hollywood den Oscar und in Venedig den Goldenen Lowen. Sein neuer Film „Dust" wird am 29. August die diesjahrigen Filmfestspiele in Venedig eroffnen.

....Deutsch von Sonja Zekri
....http://szonnet.diz-muenchen.de/REGIS_A12871829

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